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Das Pan in der Psychiatrie

Seit neun Monaten setzt Annemarie Loosli, Musiktherapeutin, das Pan als therapeutisches Mittel bei psychisch erkrankten Menschen ein. Gemeinsam mit PatientInnen hat sie dabei erste spannende Erfahrungen gemacht. Das Pan hat sich in ihrem Therapieraum einen wichtigen Platz erobert.
Von Bäne Wissler



Das Pan erinnert an einen Bauch, eine Pfanne, ein Gefäss, das dem Spielenden eine Art "Schutzraum" bietet, in welchem er sich schnell zurechtfindet. Annemarie glaubt, dass dies möglicherweise der Grund ist, weshalb auch schwer psychisch erkrankte Menschen einen Zugang zu diesem Instrument finden.

Annemarie ist vierzig Jahre alt, lebt in Bern und arbeitet seit drei Jahren als Musiktherapeutin in der psychiatrischen Klinik in Münsingen. Als diplomierte Psychiatrie-Schwester hat sie während zehn Jahren in verschiedenen psychiatrischen Institutionen gearbeitet. Am "BAM" Zürich (Berufsbegleitende Ausbildung Musiktherapie) hat sie sich danach zur Musiktherapeutin weitergebildet, und arbeitet seither in Münsingen.

Mit fast 350 PatientInnen und 600 Beschäftigten ist die psychiatrische Klinik in Münsingen eine der grössten ihrer Art in der Schweiz. Betreut werden Menschen mit den verschiedensten seelischen Leiden. Annemarie arbeitet im Bereich Rehabilitation, das heisst mit PatientInnen, welche einen längeren, aber meist zeitlich beschränkten Klinikaufenthalt benötigen. Musiktherapie ist dabei ein Teil eines vielfältigen Behandlungsangebots.

Meist arbeitet Annemarie im grossen Therapieraum, welcher angenehm einladend wirkt. Neben den Pans stehen da auch Klavier, Schlagzeug, Cello, Monochord, Schlitztrommel, Xylophon und weitere Instrumente. "Mit der Musik hinhorchen und mit der Sprache hinweisen", das sind laut Fritz Hegi die Arbeitsinstrumente der Musiktherapie. Die Musik soll entweder beim "passiven" Zuhören, oder beim aktiven Spielen die heilenden Kräfte im psychisch kranken Menschen reaktivieren. Als mögliche Therapiezelle sieht Annemarie das Aufbauen von Selbstvertrauen, Abreagieren von Spannungen, Fördern von Ausdrucksfähigkeit, das Beruhigen, Zentrieren, Konzentrieren, das Geben von Zuwendung, Wecken der Freude an der Kreativität, Erleben von Gruppenprozessen, das Loswerden von Emotionen auf gefahrlose Art und Weise und den Einsatz der Musiktherapie zu diagnostischen Zwecken. Vor und nach dem musikalischen Teil ist es Annemarie wichtig, ein Gespräch zu führen, in welchem Klangerlebnisse besprochen, Gefühle und Erinnerungen aufgearbeitet und bewusst gemacht werden.

An einem "Psychi-Fest" hat Annemarie das Pan kennen- und beim Tanzen heiss lieben gelernt. Als dann eine Kollegin begann, ein kleines Pan in der Therapie einzusetzen, erstand sie sich mit dem Budget-Rest ein günstiges Dreier-Bariton. Neben dem erwähnten "Schutzraum" erleichtern den psychisch Erkrankten auch die übersichtliche Tonanordnung und die einfache Technik den Einstieg zum Spielen. Weil auch ein nur schwacher Anschlag das Pan schon zum Klingen bringt, werden die Musizierenden zum Weiterspielen ermutigt. Annemarie ist aufgefallen, dass bei freier Instrumentenwahl sehr oft das Pan als Ausdrucksmittel gewünscht wird.

Die Angstschwelle, welche es beim Musizieren auf einem Instrument zu überwinden gilt, scheint beim Pan besonders klein zu sein, und oft lassen die Spielenden sehr bald die ersten blockierenden Hemmungen fallen. So zum Beispiel auch der sehr gehemmte und misstrauische Mann, welcher während einer Gruppentherapie plötzlich locker auf die Tonflächen zu schlagen beginnt, sich überraschend differenziert ausdrückt und mit der Therapeutin am andern Pan zu kommunizieren beginnt.

Annemarie kann sich den Einsatz des Pans bei eigentlich allen psychischen Erkrankungen vorstellen. Nur zum Abreagieren von heftigen Aggressionen wählt sie lieber andere Instrumente, wie das Schlagzeug oder die eigene Stimme. Sie setzt das Pan nur in aktiv handelnder Form ein, am ehesten vergleichbar mit Rhythmusinstrumenten. Als Hauptziele verfolgt sie dabei das Steigern des Selbstwertgefühls: Ich bin jemand, ich bin wichtig und demonstriere dies mit diesem Instrument, welches auch in einer Gruppe gut sichtbar und gut hörbar ist; das sich Einordnen: Ich muss die Lautstärke den Mitmusizierenden anpassen, mit ihnen Kontakt aufnehmen; und das Fördern der Kommunikation: Ich muss auch Zuhören können und lernen, eine eigene musikalische Botschaft mitzuteilen.

Für eine rein passive, zuhörende Therapieform, setzt sie das Pan nicht ein, dazu müsste ihrer Meinung nach der Klang ihres Instruments qualitativ besser sein, ausgeglichener, harmonischer, reiner.

Nicht nur in Gruppen-, sondern auch in Einzeltherapien erklingt das Pan bei Annemarie sehr oft. Eine jüngere, depressiv gestimmte Frau wählte in einer Behandlungsstunde für sich das Pan und für die Therapeutin das Schlagzeug. Während dem "Bearbeiten" des Pans fühlt die Patientin auf einmal, dass sie ihre Mutter spielt. Zunehmend wird sie lauter und schriller und hört dabei wie sie von ihrer Mutter angeschrieen wird, wie dies früher oft der Fall war. Sie sehnte sich in solchen Situationen nach Ruhe und zog sich oft in ihr Zimmer zurück. Dieses Zurückziehen drückte die Frau dann auch auf einem Saiteninstrument aus, bei welchem sie sich wieder als Kind fühlte. Solche Erlebnisse, Erinnerungen und Gefühle versucht Annemarie am Ende einer Therapiestunde zu verbalisieren, das heisst, wenn möglich durch die Patienten, in Worten auszudrücken. Dies kann dann oft zu AHA-Erlebnissen führen und die Patienten ihrer Rehabilitation, ihrer Wiedereingliederung in die Gesellschaft einen Schritt näher bringen.

Annemarie ist sicher, dass mit dem Pan noch weitere therapeutische Ansätze möglich sind. So zum Beispiel das gemeinsame musikalische Experimentieren, mit mehr Tönen, mehr Instrumenten. Das gezielte Fördern von Bewegungsqualitäten, wie zum Beispiel der Koordination oder des Bewegungsausmasses mit einem 6er Bass. Das Durchführen einer Panbau-Projektwoche oder der Einsatz des Pans beim passiven Zuhören und Entspannen. Dabei interessiert sie besonders, welcher Klang sich wie und wo beim Menschen auswirkt.

Das Pan-Klänge eine wohltuende Wirkung auf uns Menschen haben, davon sind wir überzeugt, oder? Deshalb denke ich, ist es wichtig, dass wir weiter spielen, zuhören, tanzen, geniessen, kommunizieren, ausdrücken, improvisieren, konzentrieren, fühlen, leben, eben paneln!
 
 
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