Die unabhängige Zeitung für Pankultur
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"Tuner sein ist ein Geschenk"

Roland Harrigin ist in Trinidad als einer der 20 besten Tuner bekannt. Er ist 42 Jahre lt und tunt Spitzenbands auf der ganzen Welt. In Japan, in den USA und natürlich in Trinidad selber. Es sind dies namentlich Gruppen wie Phase II, Pamberi, Potiential Symphony, Deltones Nutones um nur die Spitzenbands zu nennen. Anlässlich seines Besuches in der Schweiz Ende Juni, hatte ich die Gelegenheit ihn zu interviewen. Von Werner Egger

Panyard (P): Roland, wie viele Panbauer beschäftigst Du in Deiner Werkstatt?
Roland Harrigin (R): Die Zahl meiner Panbauer ist unterschiedlich. Durchs Jahr hindurch sind es etwa vier Panbauer. Während der Carnival Season sind es aber um die zehn, weil ich in dieser Zeit einfach mehr Hände brauche.

P: Demnach ist Deine Manufaktur ziemlich gross?
R: Ja, das kann man sagen.

P: Du hast meines Wissens schon im Alter von sechs Jahren begonnen Pans zu bauen. Ist dies in Trinidad normal oder bist Du in diesem Punkt eine Ausnahme?
R: Nun, ich begann mit fünf Jahren Pan zu spielen. Mit sieben baute ich das erste Mal Pans mit Konservendosen und je einem Ton. Mein Vater hat mich eigentlich in die Pankultur hineingezogen, weil er richtiggehend mit der Geschichte des Pans verstrickt war. So wuchs ich in einem Milieu auf, dass das Tunerwerden sehr begünstigt hat. Doch ich kann in dieser Beziehung nicht für alle Tuner sprechen. Aber es stimmt, ich fing sehr früh an.

P: Von welchem Zeitpunkt an wird jemand in Trinidad als Tuner akzeptiert? Wer entscheidet?
R: Das Volk entscheidet ob Du nun ein Tuner bist oder nicht. Dabei kommt es nicht darauf an, ob Du nun gute Tenor baust. Sobald Du ein Paninstrumentarium als ganzes stimmen kannst, bist Du ein Tuner und wirst auch als solcher akzeptiert.

P: Ist Tuning lernbar oder erfordert dies einen bestimmten Charaktertypen?
R: Ich denke Du kannst das Tuning lernen sobald Du jemanden gefunden hast, der kompetent ist und Dir die verschiedenen Aspekte der Stimmkunst aufzuzeigen und zu erklären vermag. Doch trotzdem würde ich nicht sagen, dass jedermann das Tuning lernen kann. Dazu braucht es das, was wir Temperament und Ausdauer nennen. Und nicht jedermann bringt diese Fähigkeit in ausreichendem Masse mit sich. Weil auch die Kunst des Stimmens wie das Pan selber ein Geschenk ist.

P: Wenn man also Tuner ist, ist dies ein Geschenk?
R: Ja

P: Von wem?
R: Weisst Du es?

P: Welches ist Dein Traum, den Du als Pantuner verwirklichen möchtest?
R: Mein Traum? Mein Traum ist es, mit grösseren Fassdurchmessern arbeiten zu können. Auch wäre es mein Wunsch, mit verschiedenen Blechen arbeiten zu können, um so den Pansound ein bisschen zu differenzieren. Denn zurzeit haben wir in Trinidad nur ein Metall zur Verfügung, das wir zudem nicht kennen und über das wir keinerlei Angaben erhalten.

P: Arbeiten die Tuner in Trinidad eigentlich zusammen? Gibt es einen Verein, oder Tage an denen man sich trifft?
R: Nun, es gibt Tuner die manchmal zusammen arbeiten. Andere wieder schauen nur für sich selber, wie z.B. Leo Coker (der in Trinidad als Tuner-Einzelgänger bekannt ist, Anm. Red.)

P: In welcher Situation ist der Panbau in Trinidad im Moment?
R: Ich denke, wir sind weder in einer sehr guten, noch in einer sehr schlechten Lage. Doch wir sollten vielleicht ein bisschen härter daran arbeiten, das Pan in eine bessere Position zu bringen als es jetzt ist. Denn gerade heute haben wir haufenweise Personen, die nur davon reden, etwas zu ändern und trotzdem nichts tun. Sie wissen immer, welcher Weg der beste für die Pankultur ist, doch im Grunde genommen tun sie überhaupt nichts.

P: Und so bleibt die Entwicklung ein bisschen dort stecken, wo sie heute ist.
R: Ja, es ist eine Form der Stagnation. Wir haben das Problem, dass wir dieselben Dinge immer wieder wiederholen müssen, weil uns keine neuen Wege (Fässer, Bleche, Härtungsmethoden) zur Verfügung stehen.

P: Da ist zum Beispiel die Fassfirma Van Leer (die auf der ganzen Welt verbreitet ist). Hilft sie den Tunern nicht, an neue Dinge heranzukommen?
R: Van Leer? Nein, dieser Konzern hat seinen Betrieb auf Trinidad geschlossen. National Petrolium Company hat jetzt übernommen und wir wissen noch nicht ob sie uns jetzt helfen werden.

P: Nehmen wir an, eines Tages werden Pans mit Maschinen gebaut. Sinking, Grooving... Meinst Du, dies ist möglich?
R. Ich denke, diese Idee wird eines Tages verwirklicht werden. Aber auf diesem Gebiet müsste noch sehr sehr viel geforscht werden. Doch vielleicht werde ich dann schon tot sein. Es ist nicht so einfach, doch ich würde sagen es ist möglich. Ich spreche hier nicht für die anderen Tuner, dies ist einfach meine eigene Meinung.

P: Ich habe gesehen, dass Du ohne Gehörschutz tunst.
R: Es ist gut, einen Gehörschutz zu tragen wenn Du laute Arbeit verrichtest wie zum Beispiel das Sinking. Doch für feinere Arbeit wie das Tuning brauchst Du keinen Gehörschutz.

P: Auch das Tuning ist doch ziemlich lärmig?
R: Es ist lärmig, für solche die zuschauen. Doch sobald Du es selber machst, ein Teil davon bist, empfindest Du es nicht mehr als laut, weil Du Dich ja nicht auf den Lärm sondern auf den Klang konzentrierst. Es ist eine Form der Meditation. Du begibst Dich in Trance und nimmst alles um Dich herum nicht mehr wahr.

P: Warum haben Bands, die nicht aus Port of Spain stammen, wie zum Beispiel Vat 19 Fonclaire Mühe am Panorama zu gewinnen? Dies haben bisher, soviel ich weiss nur zwei, drei Bands geschafft.
R: Warum? Weil es halt andere Bands gibt, die besser spielen als Vat 19 Fonclaire.

P: Und wieso sind all diese guten Bands in Port of Spain zu Hause?
R: Weil Port of Spain eben das Mekka der Pans ist.

P: Gehen wir zu einem anderen Thema über. Die Standardisierung des Steelpans. Wie denkst Du darüber?
R: Die Standardisierung des Pans finde ich etwas sehr Sinnvolles. Das Klavier ist standardisiert, die Violine, das Saxophon auch. Warum sollte man nicht auch das Pan standardisieren? So wäre es möglich, dass eine Band nach London reist, ohne ihr Instrumentarium mitnehmen zu müssen, weil es überall die gleichen Tonanordnungen geben würde. So liessen sich zum Beispiel Transportkosten sparen. Darum ist es für uns wichtig, das Pan zu standardisieren. Dies ist ein Aspekt der Standardisierung. Der andere ist, dass man sich auf die Blechdicke und das Blech überhaupt einigt.

P: Und gefällt Dir dieser Gedanke? Bedeutet dies für Dich als Tuner nicht eine Einschränkung?
R: Doch, dies wäre für mich eine Einschränkung und darum gefällt mir dieser Teil der Standardisierung nicht, weil ich gerne mit verschiedenen Blechen arbeiten möchte, um differenziertere Sounds kreieren zu können.

P: Und das ist auch das Problem, das die Tuner mit dem Bureau of Standards haben.
R: Richtig, dies ist ein Problem, weil wir nur einen Stahl zur Verfügung haben um Pans zu bauen, und das ist nicht gut. Doch das Pan zu standardisieren wäre eigentlich die Arbeit der Tuner, da sie die Problematik schliesslich am besten kennen.

P: Das Pan ist nun das nationale Instrument der Republik Trinidad und Tobago geworden. Hat dies in der Panszene etwas geändert?
R: Auf dem Papier! Aber nicht in Wirklichkeit. Die Regierung tut nichts dafür und dem Volk ist es auch egal. Es bleibt so wie immer, nur nicht auf dem Papier.

P: Welche Position hat der Pantuner in der Panszene?
R: Er ist die wichtigste Person in der Steelpanbewegung überhaupt! Also sind die Panspieler stark auf uns angewiesen und sollten uns nicht einfach als Menschen abtun, die aus einem Fass etwas Schönes machen können!

P: Vielleicht wissen manche Spieler nicht, wie gross der Wert eines Tuners ist?
R: Nein, manche wissen es wohl nicht. Sie sehen nicht welche Erfahrung und harte Arbeit es braucht, um ein Pan zu kreieren.

P: Warum nicht den Panbau ein Jahr lang stoppen? Den Spielern sagen, versucht es doch selber?
R: Ja, warum nicht. Ich denke oberflächlich sehen sie den Wert eines Tuners nicht. Aber ganz tief in ihrem Innern spüren sie schon, wer in der Panszene von grösster Wichtigkeit ist. Der Tuner!

P: Welches Ziel sollte der Tuner anstreben?
R: Er sollte nicht nach Ruhm oder Geld trachten. Sondern er sollte der Panwelt Rückhalt geben. Ja, er muss leben. Ja, er braucht Geld. Doch in erster Linie steht das Pan als Instrument. Dieses zu kreieren, zu verbreiten, zu unterstützen und vor allem da zu sein wenn man ihn braucht, dies ist die Aufgabe eines Tuners.

P: Nun eine letzte Frage: Ein Statement zur Panszene Schweiz.
R: Ich war sehr beeindruckt, als ich sah wie hier mit dem Pan ernsthaft gearbeitet wird. Allein schon, dass hier Pans gebaut werden und dass es so viele Schüler- und Jugendbands gibt, hat mich gefreut!

P: Zuletzt noch, wie denkst Du über Bandleader, die Informationen für sich behalten, sich als King aufspielen oder die Spieler unter Druck setzen?
R: Alles was ich dazu sagen kann ist; es ist stupid und es tut der Entwicklung der Panszene sicher nicht gut. Es braucht Bandleiter, die aus einer Band ein Ganzes formen können, fast wie eine Familie, und nicht solche, die auf ihre eigenen Interessen bedacht sind, und im Rampenlicht stehen wollen. Abschliessend möchte ich erwähnen, dass ich in diesem Intrview nur die Wahrheit gesagt habe. Denn etwas anderes kann de Panwelt nicht brauchen.

P: Roland, ich danke Dir für dieses Gespräch.
 

 
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