Die unabhängige Zeitung für Pankultur
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Ich befasse mich...

Über Vergangenes und Zukünftiges oder ein panoptischer Rechenschaftsbericht; von Hans Reusser, Gesamtschullehrer im Diemtigtal



Quatsch 1

Das Wort "Pan" (engl.) bezeichnet Kochgeschirr und Musikinstrumente. Die frühere Zeit kennt das Wort Pan als Bezeichnung für den Hirtengott. In einem anderen Zusammenhang kann Pan auch als Bedeutung von "alles" zukommen. Die Frage war: Ist Gott eines oder alles?

Aus diesen Bezugshorizonten bemüht sich der zeitgenössische Pannist (als deutsche Form für Pan-man) um sein Selbstverständnis. Der Pannist, als Musiker dem aus der Tradition der europäischen Musik stammenden Pianist durchaus verwandt, muss sich fragen, ob er sich als Musikkocher oder als Musikhüter verstehen will.

Die Frage nach "Eines" und "Alles" bleibt dem Pannist jedenfalls erhalten. Mit ihr hat er sich auseinanderzusetzen: Gibt es für ihn nur das Pan oder wird für ihn alles Pan? Es lässt sich erkennen: So oder so läuft der Pannist Gefahr, in eine reduktionistische Falle zu geraten. Also, erinnere er sich stets der holistischen Prämisse, wonach das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist.

Quatsch 2
Werde ich also mal erzählen, wie ich so zum Fass stehe? Nun ja. Also: Zufällig habe ich ein Fass, nicht das Urfass, in den Strassen Berns gesehen. Die ganze Steelerei wird wohl schon eine Weile floriert haben, als ich dieses Objekt erstmals vor die Augen bekam. Gut. Etwas später strebte ich einen steilen Weg aufwärts - zur damals noch umwölkten Höhe der Manufaktur. Seither ist die Manufaktur ja auch wesentlich irdischer geworden. Ich stieg also auf, lernte Fassböden klopfen, stieg etwas später mit einer Gruppe Schüler die Freitreppe hoch, so begann alles und hat kein Ende.

Das mit der Schülergruppe gebaute Instrumentarium entsprach etwa den damaligen Normen eines halb interessierten Eigenbaus. Die Fässer waren spielbar. Jede Baugruppe machte einige Fehlschritte. Kein Pan hatte anfänglich die gleiche Tonanordnung aber es klang. Der Klang faszinierte.

Wir begannen eines Frühlings. Ich hatte keine Ahnung von der Leitung einer "Panerei", konnte bloss von vage erlebten Vorbildern kopieren und begann durchaus im Rahmen kläglicher Schulmusik.

Aber ich hatte Pech. Die unter meinen Fittichen erweckten MusikerInnen liessen mir nicht lange Schlaf. Sie trieben mich zum Abflug. Sie spielten, und ich hatte zuzusehen, dass ich genügend Spielbares zusammenstellen, vorbereiten, vermitteln konnte. So lernten sie ihre Passagen. Der Anfang war schön, verbindend.

Doch bald begannen, entsprechend der verschiedenen Grade der Musikalität, die Ansprüche zu wuchsen. verschiedene Parts mussten präziser, schneller werden. Den steigenden Anforderungen gaben sich nicht alle hin. Bald musste ich erkennen, dass das Unternehmen "Zebra" nicht weiter in den Strukturen staatlich verpflichteten Unterrichts an öffentlichen Schulen weitergeführt werden konnte. Die Unterrichtsinhalte waren fragwürdig.

Als Folge unseres Musizierens verlegte eine Familie ihre gefährdete Tochter doch lieber hinter Klostermauern, als sie weiterhin jener aus der Tiefe hochsteigenden Emotionalität ausgesetzt zu sehen. So wurde aus dem Schulspiel eine selbst verwaltete Spielvereinigung.

Neben den üblichen Spielanlässen lässt sich aus jener Zeit eine Produktion mit einem Kirchenchor hervorheben: Der Chorleiter wollte eine afrikanische Messe oder Teile daraus singen lassen. Da ihm aber die Marimbas fehlten verlegte er sich auf Pans. Die Arbeit war gut, der Effekt gelungen, die gehörten Messen nicht verwerflicher als andere. Bald darauf war meine Mission an der entsprechenden Schule erfüllt.

Ich übersiedelte ins Berner Oberland. Die Spielvereinigung Zebra-Steel war sich selbst überlassen, schwankte, drohte zu zerbrechen. Nach einer schwierigen Zeit (erstellen einer Hackordnung, wenn der Hacker plötzlich ferne war), gab es einige personelle Veränderungen zum Vorteil der Vereinigung, welche nun in neuem Lichte einen eigenständigen Pfad gefunden hat. So darf meine Wenigkeit rückblickend sagen, dass ich gut tat, meinen Einfluss aufzuheben.

Quatsch 3
Ich bearbeite Fässer. Ich leiste nicht professionelle arbeit. Aber die Herstellung des Gefässes für Gruppenmusik fasziniert mich. Die Faszination bleibt vielleicht Einbildung, doch ergibt sich mir durch die Arbeit selber eine Art betrachtenden Tätigseins. Ich kann nicht Fassböden klopfen, ohne mich der Gestaltung hinzugeben. Die Hingabe-Fähigkeit ist nicht bei allen Versuchen dieselbe. Befriedigend kann ich nur arbeiten, wenn ich, das Blech vertiefend, mich selber vertiefe. Ich kann die Bearbeitung des Fasses nicht als etwas Äusseres hinnehmen. Die Gestaltung des werdenden Instrumentes braucht meine Gebärde.

Wenn dies einer Mystifizierung eines materiellen Arbeitsganges gleichkommen mag, so bleibt dieser eben nur dadurch befriedigend, vom Beginnen bis zum Ergebnis, dass ich während des ganzen Umbaus in Beziehung zu dem zu bearbeitenden Material trete. Dabei beanspruche ich durchaus die Einbildung, dass eine innige Beziehung sich mit einem gestalteten Endprodukt eingehämmert hat.

Ich kann mir aus meinem Blickwinkel eine maschinelle Verfertigung von Pans nicht vorstellen. Und ich hoffe, dass der einst resultierende Gewinn solcher Produktionen sich bloss im Quantitativen zeigen wird, wie dies Beschränkende auch im Bereich anderer Produktionen von Instrumenten sichtbar wird.

Quatsch 4
Bald werden aus der Höhe der Berner Oberländer Voralpenkette Tonversuche eines Novums auszumachen sein. Ob diese Klänge je die Kapitale des Panspiels erreichen werden, ist noch unklar. In kleinem Rahmen wieder mit einem Spiel - Abenteuer beginnend (Die Panalp Corporation ist in den Geburtswehen) möchte ich mich in diesem Anlauf vermehrt mit experimenteller Anwendung des Pans auseinandersetzen.

Dies hat seine Begründung in meiner Tätigkeit als Lehrer an einer Gesamtschule. Ich werde hier immer wieder mit motorischen Kuriositäten der eingeschulten Kinder konfrontiert. Da motorische Hemmungen auch auf die Psyche einwirken oder umgekehrt, möcht ich über längere Zeiträume beobachten, wie sich das Spiel am Pan auf festgestellte Hemmungen auswirkt. Die psychomotorische Therapie kennt beispielsweise ueberkreuzungsübungen, welche spielend am Pan immer und immer wieder in einer ganz eigenen Dynamik, unter ganz eigenen Gesetzen geschehen (meinen hypothetischen Ausgang stützten natürlich alle Spieler der ehemaligen Nägeligass-Gruppe, Stadt Bern).

Daneben interessiert mich der Einsatz des Pans mit anderen Instrumenten. Hier gibt es zweifellos Ansätze zur Vernetzung auf professioneller Ebene. Ich werde mich vor allem mit der Vernetzung im musikalischen Erstunterricht bemühen.
 
 
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