Die unabhängige Zeitung für Pankultur
aus dem Schweizer Steelpan Archiv
Home || Ausgabe 1/93 || Ausgabe 2/93 || Ausgabe 3/93 || Ausgabe 1/94 ||Ausgabe 2/94

Standardisierung - was denn, wie denn, warum denn?

Öfters wenn ich Leute über Standardisierung sprechen höre, begegne ich eher negativen Gefühlen. "Was soll das; nach der Standardisierung klingen alle Instrumente genau gleich; all die verschiedenen Klangfarben gehen verloren, weil nur noch das eine - der Standard eben - gebaut werden darf", usw. Doch solche Auswirkungen auf einen Gegenstand (oder auch auf eine Dienstleistung oder sogar auf die Menschen) sind ganz klar nur Ergebnis einer falsch verstandenen und restriktiv ausgelegten Anwendung der Standardisierung. Von Micha Frey, Panbauer

Beginnen wir vorne: Was ist Standardisierung überhaupt? In erster Linie ist dies eine Methode zur Festlegung, zur Definition, zur Namensgebung. Anhand von in gegenseitiger Übereinstimmung festgelegten Merkmalen geben wir einem Gegenstand einen Namen. Ein Beispiel: Wir haben eine Frucht vor uns. Anhand uns allen bekannten, bestimmten Merkmalen (Form, Geschmack, usw.) können wir diese Frucht als Apfel erkennen. Es ist also keine Banane, auch keine Baumnuss, sondern eben ein Apfel. Und wenn ich Apfelkuchen backen will, kann ich Dich bitten, mir 1 Kilogramm Äpfel zu kaufen. Wenn Du im Laden das (standardisierte) Wort Apfel sagst, wirst Du nicht mit langen Worten umschreiben müssen, was Du gerne eingekauft hättest. Ebenso muss ich auch nicht damit rechnen, dass Du mit Bananen nach Hause kommst (sicher, auch Bananenkuchen würde gut schmecken, trotz der matschigen, braunen Masse). Also: Mit dem gegenseitigen Einverständnis, was ein Apfel ist, können wir uns lange Sätze ersparen und stattdessen darüber diskutieren, was für Äpfel im Kuchen besser schmecken.

Genauso ist es bei technischen Gegenständen wie dem Pan. Aus der Geschichte heraus hat man festgelegt, dass ein Instrument aus sechs Fässern, mit welchem die Noten c2 bis f3 gespielt werden können, als 6er-Bass vom c bezeichnet wird. Und es ist auf der ganzen Welt dieselbe Bezeichnung.

Wie wird eine Standardisierung festgelegt? Eigentlich können schon zwei Menschen eine Standardisierung vereinbaren. Doch wenn sie dies willkürlich machen, laufen sie Gefahr, von ihrer Umwelt nicht verstanden zu werden. Man stelle sich vor: Zwei Menschen einigen sich einem viereckigen Ledersack Flasche zu sagen. Nun sagt der eine zu Dir: "Leg' doch bitte meine Kleider in die Flasche." Für jene zwei klingt es ganz klar und normal; für uns jedoch absurd, wir wissen nicht was er von uns will. Es ist also von Vorteil, wenn sich eine grosse Menge Menschen auf dieselben Begriffe einigt. Da staatliche Verwaltungen mit der Organisation von vielen Menschen betraut sind, liegt es auf der Hand, dass die industriellen Standardisierungen durch nationale Ämter koordiniert und systematisiert werden.

Doch nach welchen Mustern und Merkmalen soll man etwas festlegen? Im technischen Bereich können weitgehend alle Dinge gemessen werden (Länge, Gewicht, Dichte, Zeit, usw.) Anhand solcher Merkmale kann ein Gegenstand beschrieben, definiert, also standardisiert werden.

Etwas komplizierter wird es, wenn man Dinge mit einer klaren Beschreibung und einem eindeutigen Namen zweckentfremdet: Ein Tisch ist ein Tisch; eine Leiter ist eine Leiter. Wenn ich nun den Tisch benütze, um die Birne an der Decke auszuwechseln, mache ich den Tisch (der noch immer die gleichen Masse wie vorher hat) zu einer Leiter; wenn ich danach das Buch wieder drauflege ist es wieder ein Tisch. Bei solchen Zuschreibungen geht es schon mehr um das Wesen eines Gegenstandes; um das Verständnis, zu was er eigentlich dient.

Viel komplizierter wird es bei philosophischen, geistigen Fragen. Wenn Dinge nur ungefähr und ihrem Wesen nach beschrieben werden können (z.B. was ist eine Seele), kann diese Beschreibung sehr individuell ausfallen. eine zweite Beschreibung - ebenfalls individuell - kann ganz anders, sogar widersprüchlich zur ersten sein. Und niemand kann für sich in Anspruch nehmen, dass seine Beschreibung die richtige, die andere die falsche ist. Hier liegt wohl der Kern des Übels falsch angewandter Standardisierung: Mit Macht, Gewalt, oft auch mit Waffen wird durchgesetzt, dass die Meinung A die richtige sei; obwohl Meinung B genauso richtig (oder besser gesagt; genauso wenig falsch) ist. wie die Meinung A. Schlussendlich kann niemand die volle Wahrheit in Anspruch nehmen und sagen, welches nun richtig und welches falsch ist.

Glücklicherweise haben wir es mit dem Pan mit einem eher technischen Gegenstand zu tun. Wir können seine Dimensionen messen, die Tonhöhen erkunden, usw. So ist ein Tenorpan vom C ein Tenorpan vom C. Ein anderes Beispiel: Dank praktischer Erfahrungen und Ergebnissen aus der Forschung konnte man Mindestanforderungen an den Korrosionsschutz durch Nickel/Chrom-Schichten aufstellen. Der Galvaniseur weiss nun durch den Standard (Schichtdicke von Nickel mind. 25 µm), welche Mindestanforderungen er in seiner Produktion erfüllen muss. Der Instrumentenbauer wiederum darf sich darauf verlassen, und der Käufer und die Käuferin schliesslich werden Freude an ihrem Korrosion geschützten Instrumenten haben können. Und dies alles ist möglich, ohne dass Arbeit und Material verschwendet werden müssen, um wieder und nochmals auszuprobieren, wie viel Nickel es nun für einen ausreichenden Korrosionsschutz braucht.

Aber schon wenn es um die Klangfarbe des Pan geht, stossen wir an Grenzen. In den einen Ohren tönt diese Klangfarbe schöner, in den anderen Ohren eine andere. Ganz speziell beim Pan, wo die Nachbartöne beim Spielen eines Tones mitschwingen, und so dem Instrument seinen besonderen Klang verschaffen, sind ganz verschiedene Klangfarben möglich. Daher ist es sinnvoll, z.B. eine Quintenzirkel-Tonanordnung von einer Invader-Style (Ellie Mannette) Tonanordnung zu unterscheiden. Und schon sind wieder zwei Standards festgelegt. Genauso können alle anderen Pan Instrumente mit eindeutigen Bezeichnungen versehen werden. Wenn diese allen Interessierten bekannt sind, wird man sich gut und rasch verstehen.

Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es sich beim Pan um einen Kunstgegenstand handelt, der eben und gerade wegen der (kleinen) Klangunterschiede seinen Wert, seinen Reiz, seine Individualität erhält.

Serienmässig 'tupfgleiche' Instrumente herzustellen würde dazu führen, dass das Pan von einem Kunstgegenstand zu einem simplen Gebrauchsgegenstand (wie z.B. eine Zahnbürste) verkommt, immer gleich aussieht und auf der ganzen Welt gleich tönt.

Also: Es macht Sinn, gewisse Merkmale zu Begriffen zusammenzufassen und diese zu standardisieren (z.B. Tenorpan = Tenorpan). Die gegenseitige Verständigung und ein möglicher Fortschritt in systematischer Forschung im und ums Pan werden erleichtert.

Es würde jedoch keinen Sinn machen festzulegen, ein Pan, welches nicht 24cm tief gearbeitet wurde, sei kein Tenorpan. Die praktischen Ausführungen haben dies eindeutig widerlegt; es gibt sehr gute und schöne Tenorpans, welche nicht 24cm tief sind. Ein solcher Standard müsste mit Macht durchgesetzt werden und wäre somit nicht ein Ergebnis gegenseitiger Übereinkunft.

Ja, wer darf nun bestimmen, was was ist? Meiner Meinung nach (und diese deckt sich mit allen welche ich bisher gehört habe), ist das Pan in Trinidad & Tobago entstanden. Die Geschichte hat dort begonnen und wurde bis heute fortgesetzt. Für mich keine Frage, dass die Panmen aus Trinidad & Tobago aus ihrer Tradition mit dem Pan das gewichtigste Wort sprechen. Ohne es überhaupt richtig wahrzunehmen, haben wir schon die meisten Begriffe von ihnen übernommen (z.B. pan, melody pan, lead pan, tenor pan, usw.)

In den letzten Jahren sind viele Panmen in Trinidad & Tobago an ihre Grenzen gestossen. Sie haben bemerkt, dass für ein und denselben Gegenstand verschiedene Begriffe existieren und dadurch ein Wirrwarr entsteht. Sie haben sich nun das Ziel gesetzt, die Begriffe zu vereinheitlichen, sie zu standardisieren. Dies soll ermöglichen, dass man in weiterführenden Diskussionen vom gleichen redet und nicht immer wieder stundenlange Begriffserklärungen nötig sind. Ebenso wird die Kommunikation mit der ganzen Welt im und ums Pan vereinfacht, ja erst möglich gemacht.

Also: Keine Angst vor Standardisierung. Doch es gibt genug Möglichkeiten, die Standardisierung falsch auszulegen und ungerecht zu missbrauchen. Dies muss verhindert werden.
 
 
CATRIVER Design 2007