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Ein Tuner in Trinidad - ein Tuner in der Schweiz

Wer denkt, der Tuner in Trinidad hat die gleichen Aufgaben und Arbeitsgebiete wie der Tuner in der Schweiz, der sollte seine Meinung nochmals überdenken! Andere Länder, andere Sitten, wie es so schön heisst. Oder: Andere Kulturen, andere Verhaltensweisen, vor allem auch andere Betätigungsfelder. Dieser Beitrag soll sowohl die Position eines Tuners in Trinidad aufzeigen, als auch die Stellung eines Tuners in der Schweiz (oder in Europa allgemein) skizzieren. Ist dies überhaupt der gleiche Beruf? Kann man diese zwei Tuner miteinander vergleichen?
Von Werner Egger, Tuner im Studium

Ein Tuner in Trinidad...
...er ist Tuner und Captain zugleich. Manchmal erledigt er gleich noch den Job eines Arrangeurs. Er wird als nationaler Held bezeichnet, da er sich nicht nur mit dem Bauen und Stimmen der Pans befasst, sondern auch andere Probleme wie Armut, damit verbunden Arbeitslosigkeit usw. zu lösen versucht. Er ist eine Leiterfigur in dieser Kultur, seine Haltung zu den Dingen zählt, da er schliesslich die Schlüsselfigur der ganzen Panbewegung ist...

Ach wirklich? Das war einmal, liebe Leser. Bis vor zwanzig Jahren hatte ein Tuner diese Position zweifellos inne. Doch inzwischen hat sich vieles geändert. Der Tuner in Trinidad ist meiner Meinung nach einseitig geworden. Er hat sich sozusagen vom Allrounder zum Spezialisten entwickelt. Dies ist zweifellos auch der Trend in der ganzen Welt. Wie der Arrangeur keine Ahnung vom Panbau hat, hat der Tuner keine Ahnung vom Arrangieren. Früher hätte er sich dies ganz einfach nicht erlauben können, ohne beim Volk unglaubwürdig zu werden. Doch heute wird auf solche Dinge nicht mehr viel Wert gelegt, da zweifellos eine Spezialisierung stattgefunden hat, in der es nicht mehr erforderlich ist, dass eine Person in allen Wissensgebieten gewandt ist. Als Tuner in Trinidad geht es darum, einen Namen zu haben, möglichst viele Bands zu stimmen, sich mit einer neuen Erfindung einen Platz in der Geschichtsschreibung, wenn nicht gar im Museum zu sichern.

Als Tuner in Trinidad geht es auch darum, Geld zu haben. Wem will man dies schon verdenken, in einem Drittweltland? Wenn einer in einem kleinen Raum mit acht Geschwistern und den Eltern aufgewachsen ist? So hart die Arbeit ist, so rentabel muss sie auch sein, sonst hat es ja keinen Sinn, diesen Beruf zu ergreifen. Dies ist das Bild eines heutigen Tuners in Trinidad. Er ist nicht mehr die gleiche, hoch respektierte Person, die er früher war. Er redet davon, fühlt sich wohl als solcher, aber er ist es nicht mehr. Er weiss dies auch, sonst würde er nicht über den mangelnden Respekt der Bevölkerung und der Panspieler gegenüber ihm sprechen. Dies schmerzt ihn in einer gewissen Weise, auf der anderen Seite ist er zufrieden, wohlhabend zu sein, und sich um nichts anderes kümmern zu müssen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die erste Generation Tuner Pioniere waren und sich die (jetzige) zweite Generation zu Spezialisten entwickelt hat.

Ein Tuner in der Schweiz - in Europa...
...ist eine unrespektierte Person. Nicht respektiert von vielen Panspielern, von den Behörden schon gar nicht. Er wird häufig als primitiver, ungebildeter "Blechklopfer" abgestempelt, der seinen Tag damit verbringt, "Beulen in ein rostiges Fass zu schlagen". Er baut ein Musikinstrument (Musikinstrument in Anführungszeichen natürlich), dass irgendwelche "Neger" in Afrika oder sonst irgendwo (vorzugsweise am A... der Welt) erfunden haben.

Ach wirklich? Wie im letzten Satz des Tunerbildes in Trinidad bemerkt wird, war die erste Generation der Tuner Pioniere, Forscher, Entdecker. Wer nun ein bisschen nachdenkt, wird schnell bemerken, dass die erste Generation der Tuner in Europa noch voll im Schuss ist. Somit wäre die Position eines Tuners in Europa schon definiert.

Er ist Forscher, Pionier und Entdecker zugleich. Er ist eine Leiterfigur der Szene, seine Haltung zu gewissen Dingen zählt etwas, da er schliesslich die Schlüsselfigur der ganzen Panszene ist.

Natürlich kann er die Akzeptanz der Behörden und anderer Leute, die nicht mit dem Pan verbunden sind, nicht verlangen, da dieses Instrument in Europa nicht sehr bekannt ist. Doch wird ihm diese Position wenigstens innerhalb der Panszene in Europa zugestanden?

Schlussendlich möchte ich auf die Fragen zurück kommen, die ich am Anfang dieses Artikels gestellt habe. Tuner in Trinidad zu sein und Tuner in Europa zu sein, ist dies überhaupt der gleiche Beruf? Kann man diese zwei Persönlichkeiten miteinander vergleichen, und wenn, inwiefern? "Natürlich kann man!", wird mir vielleicht ein Leser erwidern. "Schliesslich ist und bleibt ein Tuner ein Tuner! Er baut ja die gleichen Pans, bringt sie auf die gleiche Art zum klingen! Was labert dieser Autor von verschiedenen Berufen? Ob in Trinidad oder Europa, ein Tuner baut Pans, bringt sie zum klingen und damit Basta!" Natürlich kann man, sage in dem Sinne auch ich. Das handwerkliche Können unterscheidet sich in dieser Beziehung nur wenig. Doch auch ein Tuner in Europa muss viel leisten! Es geht dabei nicht nur um sein finanzielles Überleben, sondern auch darum, sich und der Panszene zu einer grösseren Akzeptanz zu verhelfen. Das Problem der Akzeptanz hat der Tuner in Trinidad eigentlich nicht mehr. Das Pan ist das National Instrument der Nation geworden, ist somit in grossen Kreisen akzeptiert. In Europa geht es vorerst darum, die Vorurteile und Klischees, mit denen das Pan hier behaftet ist, abzubauen.

Also darf der Tuner in Europa nicht einfach Top-Instrumente bauen, diese verkaufen und sich dann um nichts mehr kümmern. Er darf sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht spezialisieren. Wenn er Pan nicht als etwas Umfassendes sieht, sich also auch nicht mit all seinen verschiedenen Kolorierungen beschäftigt, kann es tatsächlich sein, dass man ihn als "ungebildeten, primitiven Blechklopfer" bezeichnet, der da "was Schönes macht, aber sonst von nichts eine Ahnung hat".

Ich möchte die Tuner in Trinidad in keiner Weise schlecht machen, oder ihnen falsche Verhaltensweisen vorwerfen. Doch wo sich das Pan und die Panszene nicht mehr weiterentwickeln, braucht es logischerweise keine Pioniere mehr, keiner Leiterfiguren. Das Pan in Trinidad ist in gewisser Weise in seiner Entwicklung stecken geblieben, besser gesagt: Stehen geblieben. Es ist zu hoffen, dass lieber früher als später ein Schub in eine neue Richtung geschieht, der die ein bisschen festgefahrene Trinidader Panszene in Bewegung zu setzen vermag.

In Europa aber ist das Pan erst richtig in Schuss gekommen. Hier kann es sich der Tuner nicht leisten, auszuruhen, sonst würde dieser kleine Zweig früher oder später verdorren. Es braucht (vorerst noch?) initiative Menschen, nicht irgendwelche "Blechklopfer"!

Wenn sich ein Tuner hier nicht nach den Bedürfnissen der Bevölkerung richtet, versucht, den Geist zu treffen, der hier vorherrscht, wird er früher oder später neben dem Schiff stehen.

"Nicht das Ziel ist wichtig, sondern der Weg"; die Art wie man etwas anpackt, um überhaupt zum Ziel zu gelangen. In dem Sinne ist ein Tuner nicht einfach ein Tuner. Je nachdem, wo er steht, in welcher Situation sich die Szene befindet, kann seine Position variieren. Man kann eben nicht "einfach so" vergleichen. Darum: Der Vergleich mit Tunern aus Trinidad ist nicht unbedingt angebracht.

So achte ich alle Tuner, die hier im Neuland arbeiten, da sie zweifellos eine andere (vielleicht kompliziertere?) Aufgabe besitzen, als ein Tuner in Trinidad.
 

Werner Egger

Werner Egger arbeitete im Rahmen seiner Ausbildung als Panbauer und Tuner mehrere Monate in Trinidad. Durch seine Arbeit war es ihm möglich, aktiv am Trinidader Panleben teilzunehmen.
 
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