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Wa(h)re Musik?

Dieser Artikel wurde der Zeitschrift "PAN Zeitung", Musikhaus Pan AG, 8057 Zürich entnommen, verfasst von Peter Wettstein

Es geschah im Zeitalter der Romantik: Kunst wurde vermehrt individualisiert. Das Aussergewöhnliche wurde angestrebt. Die Gilde der Künstler erhob sich in höhere Sphären.

Waren früher Musiker - genauso wie (andere) Handwerker - gezwungen, ihre Produkte (mehr oder weniger) regelmässig dem kirchlichen oder weltlichen Fürsten vorzutragen, so wurde durch die vermehrte Selbstständigkeit des Komponisten das Einzelwerk, das Unikat, immer wichtiger und der Schaffensprozess dadurch langwieriger und aufwendiger.

Zur (Dutzend-) Ware wurde Musik erst (wieder) in der Folge der Technischen Revolution des 20. Jahrhunderts. Durch die mechanischen Speicherverfahren konnten Interpretationen festgehalten, multipliziert und in grossem Massstab vermarktet werden. In direkter Abhängigkeit zum HiFi-Markt ist auch der Handel mit Solisten und Dirigenten, mit Orchestern und anderen Ensembles zum bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden.

Vor fünfzig Jahren gab es einige wenige Orte, welche mit Festwochen musikalische Schwerpunkte setzen konnten. Heute kenne ich kaum noch eine Stadt oder ein Touristenzentrum, das ohne seine Musikfestspiele auskommt, wobei in der Regel die gleichen Künstler mit fast identischen Programmen Länder und Regionen bereisen. Und die scheinbare Ausweitung der Musikkultur entpuppt sich nur allzu oft als Konvention mit beliebiger Austauschbarkeit.

Umsätze in der Fremdenindustrie, im Konzertmanagement beweisen, dass mit Kultur viel Geld gemacht werden kann. Nur: Ist dies wahre Kultur, oder bleibt's bei der Ware?

Wahre Musik was ist das?
Wahrheit wurde gerade in unserem Jahrhundert häufig mit Kunst in Verbindung gebracht. Wahrheit ist auch mit Schönheit gleichgesetzt worden, was allerdings menschlicher Erfahrung widerspricht. Zur Wahrheit gehören Schmerz, Angst und Elend vielleicht in höherem Mass als Glück, Freude und Schönheit. Wenn man Kunst als Spiegel des Menschseins und der Gesellschaft versteht, kann man sich nicht darüber wundern, dass auch Hässlichkeit, Absurdität und Sinnlosigkeit zum Ausdruck gebracht werden wollen.

In der Nachkriegszeit, vor allem in der 68ger Nachfolge, wurde die Ideologie des "engagierten Künstlers" besonders forciert, und auch viele Musiker fühlten sich ihr verpflichtet. Nun eignet sich das Medium Musik am wenigsten zum Übermitteln einer konkreten Botschaft; es bleibt im Gegensatz zu Wort und Bild immer abstrakt. Und die Assoziierung von Klängen und Geräuschen mit aussermusikalischen Inhalten wird subjektiv bleiben, ausser es handelt sich um billige Programmmusik oder um ein Werk mit einbezogener Sprache. Die eigene Wahrheit in Musik umsetzen kann also nicht bedeuten, damit auch eine allgemein verständliche, konkrete Aussage zu übertragen.

Die eigene Wahrheit wird sich sowieso immer von der Wahrheit anderer unterscheiden. Mozart hat in tiefer Not und unter grösster Belastung besonders "fröhliche Musik" komponiert. Ist sie deswegen unwahr?

Wahrheit und Musik stehen nicht in direkter Abhängigkeit zueinander.
 

 
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