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Kleiner Kurs im Arrangieren

von Robert LedBetter, Montana USA
Dieser Artikel wurde der Mai 1994 Ausgabe von "PAN-lime",
the Newsletter of the Pan Community entnommen.
Übersetzung Tina Büchler, Bern

Wenn Du als Steelbandleader in Europa oder in den USA tätig bist, hast Du wahrscheinlich keinen bandeigenen Arrangeur, wie die Bands in Trinidad ihn haben. So bist auch Du immer wieder mit dem Problem konfrontiert, wo Du für Deine Band neue Arrangements aufstöbern sollst. Dies ist ja auch der Grund, warum unter KollegInnen ein reger Tauschhandel mit Stücken vor sich geht. Obschon nun endlich kommerziell erhältliche Arrangements am Horizont auftauchen, kann es wohl noch einige Jahre dauern, bis eine nennenswerte Anzahl Stücke publiziert sind. Folglich wären wir alle gut beraten, wenn wir selbst arrangieren lernen würden. Wenn Du Bandleader an einer Uni oder an einer Schule bist (und auch sonst!), könntest Du z.B. jedes Mitglied einmal pro Jahr ein Arrangement schreiben lassen, um (neben dem erzieherischen Wert dieser Arbeit) ein eigenes Repertoire aufzubauen. Wer weiss, vielleicht erweist sich das eine oder andere Mitglied sogar als sehr gute(r) Arrangeur(in).

Wer jemals ein Panoramastück von Trinidad gespielt hat, weiss, wie lang und kompliziert diese sein können. Ob für eine Anfänger- oder eine Auftrittsband, es wird immer kürzere, einfachere Stücke brauchen. Im Gegensatz zu den komplizierten Panorama Melodien wird die vereinfachte Version das Stück abschwächen, da die zahlreichen Variationen und kompositorischen Finessen ausgelassen werden müssen. Ein so vereinfachtes Arrangement könnte zum Beispiel folgende Komponenten haben: Ein Intro, zwei oder drei kontrastierende Teile (A, B + C) mit fakultativen Wiederholungen, und ein (freiwilliger) Soloteil (wobei natürlich auch über dem laufenden Stück soliert werden kann). Dazu kommt ein D.S. oder D.C. zur Wiederaufnahme der Melodie (die mehrstimmig sein kann; eventuell auch Einbau einer Gegenmelodie; harmonische Begleitung **"strumming") und der Basslinie bestimmt sein und weitgehend homophonisch sein.

Der Stil
Obschon normalerweise Calypso und Soca mit dem Steelpan assoziiert werden, und diesem charakteristischen Stil auch treu geblieben werden sollte, gibt es zur Abwechslung auch viele Musikrichtungen, die für Steel ebenfalls sehr geeignet sind: Alle Latin Richtungen zum Beispiel, vom Samba bis Salsa, aber auch Jazz/Fusion und klassische Musik. In diesen Richtungen ist die Rolle jedes einzelnen Instrumentes innerhalb der Band immer wieder anders und sollte die typischen Merkmale des jeweiligen Musikstils widerspiegeln. Zum Beispiel könnten der "montuno" Klavierteil eines Salsa oder die Rolle der Gitarre in einer Jazz-/Fusionmelodie von den Seconds oder den Celli übernommen werden, usw. Dieser Artikel will sich aber nur auf eine einfache Einführung in das Arrangieren von traditionellen Socas und Calypsos beschränken.

Die Rolle der Instrumente
In den meisten Panoramastücken sind alle Instrumente sehr aktiv und wechseln dauernd von Melodie zu Gegenmelodie zu Begleitung. In einem einfacheren Calypso findet sich jedoch eine eher grundlegende Rolle für jedes Instrument. Die Stimmen sind normalerweise (aber nicht zwingenderweise) folgendermassen aufgeteilt:

Lead: Melodie (eventuell mehrstimmig), Solieren, gelegentliches Strumming.

Double Tenor: Verdoppeln der Melodie und/oder Harmonien zur Melodie, Gegenmelodie, Strumming, Solieren.

Double Second: Strumming (auf "Farb-Tönen" wie z.B. Terz und Sept der Akkorde), Gegenmelodie, Harmonien zur Melodie.

Guitar: Strumming (auf Grundton und Quinte), Arpeggieren der Akkorde, Verdoppelung des Basses (in der Oktave) bei aktiven Basslinien.

Bass: Basslinie

Die Quellen
Wer nicht Originalwerke komponieren will, wird wahrscheinlich Musik anderer Komponisten oder auch traditionelle Melodien arrangieren. Es gibt dafür drei Quellen.

Lead Sheets (einfache Melodielinien mit den entsprechenden Akkordsymbolen), wie man sie in den meisten Notenheften findet, Partituren (Originalpartituren für andere Instrumentengruppen, wie z.B. Orchesterpartituren oder auch Klavier Partituren) und Aufnahmen.

Wenn Du Lead Sheets zur Grundlage nimmst, musst Du recht viel Komponierarbeit leisten, um ein salonfähiges (beziehungsweise strassenfähiges) Arrangement zu bekommen.

Das Stück wird noch ein Intro brauchen, falls noch keines vorhanden ist (welches auf die Hauptmelodie anspielen oder sie sogar teilweise beinhalten kann). Weiter braucht es noch einen kontrastierenden B- oder C-Teil. Effektvoll ist hier immer, wenn man die Struktur des Stückes verändert, wie z.B. vermehrtes Unisonospiel, Gegenlinien oder sogar Stimmentausch (d.h. die unteren Register übernehmen über kurze Zeit die Melodie). Dazu braucht es noch eine gute Basslinie (gemäss dem Musikstil) und ein Strumrhythmus mit passenden Akkorden.

Wenn man mit Partituren arbeitet, besteht die Arbeit oft aus reinem Abschreiben der Melodien (was für AnfängerInnen als erste Aufgabe sehr geeignet ist). Einige gute Quellen sind, wie oben erwähnt, klassische Werke für Kammerorchester, Symphonieorchester oder sogar für Klavier alleine.

Den Pans werden diejenigen Stimmen zugeteilt, welche in ihr Tonspektrum passen; wobei man natürlich aufpassen muss, dass die jeweilige Stimme auf einem gegebenen Pan auch wirklich spielbar ist. Eine komplexe Basslinie kann z.B. den Celli gegeben werden, während die Stimme für den Bass vereinfacht wird.

Oft sind Stücke, die man spielen möchte, nicht schriftlich erhältlich. Mit Hilfe einer Aufnahme können sie aber niedergeschrieben und in die Band hineinarrangiert werden. Das mag wohl ein beschwerlicher, aber sehr rentabler Weg sein; Deinen Ohren werden Wunder geschehen! Falls Du noch nie mit einer Aufnahme gearbeitet hast, sind hier einige konstruktive Vorschläge.

Man nehme dazu am besten ein Keyboard, mit dem aufgenommen werden kann. So kann man für jede Stimme gleich zwei bis drei Takte auf einmal aufschreiben. Zu empfehlen sind ein Kassettenrecorder mit verstellbarer Geschwindigkeit und ein elektronisches Keyboard mit einstellbarer Tonhöhe, so dass man die Tonhöhen auf der Aufnahme mit dem Keyboard vereinbaren kann und umgekehrt. Diese Utensilien machen es auch möglich, das Stück in einem anderen Schlüssel umzusetzen. Je nach Aufnahme muss eine Partitur erstellt werden, mit separaten Linien für Melodie, Gegenmelodie, harmonische Hintergrundakkorde und Basslinie. Begonnen wird mit den herausragenden Stimmen (Melodie & Bass), weil sie am einfachsten herauszuhören sind, und auch eine grosse Hilfe beim späteren Erarbeiten von Harmonien und Akkorden sind. Weil der Bass oft (nicht immer!) den Grundton der Akkorde spielt, ist die Basslinie sehr wichtig, um der harmonischen Struktur auf die Spur zu kommen.

Als nächstes versucht man sich am besten mit etwelchen Gegenmelodien und den Akkorden, die die Hauptmelodie begleiten. Am Schluss bleiben dann noch die Harmonien. Dieses ist oft der schwierigste Schritt, teilweise auch weil viele Aufnahmen die Zwischenregister und die Harmonien in den Hintergrund zurückstellen, was die Entwirrung der Akkorde nicht gerade erleichtert.

Wenn die Partitur erst einmal fertig geschrieben ist, kommt das eigentliche Arrangieren. Hier kann die oben erstellte Liste für die Rollenvereilung der Instrumente verwendet werden; so bekommt jedes Register seine passende Linie. Je nach Bedarf kann dem Arrangement durch zusätzliche Harmonien zur Melodie oder durch einige einfache Gegenlinien ein wenig auf die Sprünge geholfen werden.

Grundlegendes zum Arrangieren
Gleichgültig von welcher Quelle Du die Melodie hast, es ist besser, gleich noch einmal von vorne zu beginnen. Lead Sheets bringen oft nur eine verwässerte Version der Melodie, die dringend eine Prise Aufregung nötig haben. Denk daran: Das Stück steht und fällt mit einer guten Melodie und einer guten Basslinie! Einer Melodie kann auf verschiedenste Weise Leben eingehaucht werden; durch Synkopieren, durch zusätzliche Riffs (Arpeggios, chromatische Läufe, Einfügen von chromatischen Nachbartönen, etc.). Hier kommt auch die Kenntnis des Stils zugute. Langes und sorgfältiges Zuhören ist eine grosse Hilfe beim Erfassen der charakteristischen Rhythmen und stilistischen Nuancen. Normalerweise wird die Melodie vom Lead gespielt, in der Oktave verdoppelt vom Double Tenor (das aber auch Harmonien zur Melodie spielen kann). dann kommt die Basslinie. Sie besteht üblicherweise aus Akkordtönen, und von diesen sind es meistens der Grundton oder die Quinte. Der Bass sollte so oft als möglich in der oberen Oktave gespielt werden, da die tiefsten töne der meisten Bässe nicht gut ansprechen, ausser in Verbindung mit der angrenzenden Oktave. Für typische Bassrhythmen in traditionellem Calypso oder Soca siehe Beispiel 1.

Beispiel 1
Beispiel 1, zum Vergrössern auf Bild klicken

Sind die Harmonien des Stückes erst einmal erfasst, ist einer der einfachsten Schritte das Schreiben der Strumteile. Die Wahl der Strumrhythmen sollte zu einem gewissen Grad vom Tempo der Melodie abhängen. In schnelleren Tempi sind zum Beispiel schnell aufeinander folgende Zweierschläge zu vermeiden. Der Strumrhythmus sollte auch die anderen Stimmen ergänzen (Basslinie, Melodie, Gegenmelodie). Ein paar der wichtigsten Strumrhythmen sind im Beispiel 2 aufgezeigt, von langsameren (links) in schnellere Tempi (rechts) übergehend.

Beispiel 2
Beispiel 2, zum Vergrössern auf Bild klicken

Beim Niederschreiben der Strumteile spart man viel Zeit, wenn man den Strumrhythmus über die Zeile schreibt und in der Zeile selbst nur die Wechsel der Harmonien und, in Viertels- oder Halbnotenabständen, Striche als Symbole zur Wiederholung des Rhythmus angibt (siehe Beispiel 3).

Beispiel 3
Beispiel 3

Für die Guitar-/Cellostimmen ist es ratsam, den Harmoniewechsel um eine Achtels- oder Sechzehntelnote vorzuziehen, um allzu schnelle Bewegungen von Akkord zu Akkord respektive von Pan zu Pan zu vermeiden; dies gilt allerdings nur für schnellere Tempi.

Wie bereits erwähnt, bleiben die Akkorde der Strumrhythmen hauptsächlich auf dem Grundton/der Quinte, während die oberen Pans die "Farb Töne" (Terz, Sept) übernehmen. Normalerweise sollten alle Instrumente Intervalle zwischen Terzen und Sexten spielen, also Sekunden und Septe vermeiden. Je tiefer die Tonlage ist, umso wichtiger ist ein offener Klang. Wenn also zum Beispiel ein Septakkord aufgeteilt werden muss, der vom Bass in der Sept betont wird, tönt es voller, wenn die vier Töne wie in Beispiel 4 aufgeteilt werden - Sekunden werden so vermieden, ein offener Klang ist gegeben.

Beispiel 4

Das Wirbeln
Wirbeln oder nicht Wirbeln? Allgemein gilt: Je tiefer der Ton, desto weniger braucht man Wirbel, um die Spannung des Tons zu halten. Folglich wird in der Cello- und in der Bass Section selten gewirbelt, vor allem im traditionellen Calypso. So sind es vor allem die Double Pans und die Leads die wirbeln. Auf dem Arrangement können die Wirbel zwar angegeben werden, aber meistens ist es besser, wenn erst während dem Üben von allen zusammen festgelegt wird, wo gewirbelt werden soll; die SpielerInnen machen es oft intuitiv richtig. Als Anfänger im Arrangieren ist man zwar oft froh um ein gutes Arrangement, das einem als Modell dienen kann - zögere aber nicht, mit Deinen eigenen Ideen ein wenig zu experimentieren. Viel Glück und fröhliches Arrangieren!
 

Dr. Robert LedBetter

LedBetter, ein professioneller und studierter Perkussionist, leitete lange eine Uni-Band in Texas. in der gleichen Zeit war er Leadspieler, Solist und Arrangeur in einer professionellen Band, den Panhandlers. Er hat unterdessen bereits an zwei weiteren Universitäten, In New Mexico und Montana, Steelband Programme aufgezogen; an der letzteren ist er heute noch tätig.

LedBetter ist ein aktiver Arrangeur und Künstler und ist mancherorts in den USA als Solist aufgetreten. Einige seiner Arrangements werden bald bei Panyard Inc. erscheinen; man kann ihn aber auch direkt erreichen an der University of Montana, School of Music, Missoula, Montana (Tel. Nr. höchstwahrscheinlich nicht mehr relevant)

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Dr. Robert LedBetter is an active arranger, pan player and band leader in the US. In his article he gives a short introduction to steel band arranging, defining the role of each instrument in traditional Calypso and Soca and giving some tips as how to enhance a melody or how to construct strum patterns. Further, he gives some more technical advice such as where to find sources and how to turn them into a decent steel band arrangement.
 

**strumming

klimpern, spielerisch begleiten (zum Beispiel die für Calypso typischen Dreierrhythmen der Double Seconds); mangels eines passenden Deutschen Ausdruckes weiterhin als Strumming bezeichnet.
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